MICRO
SPARGELURIN

Hmmmm, grüner Spargel auf dem Primaverafestival in Berlin-Schöneberg. Lecker. Auf der Akazienstraße tummeln sich zwischen vielen kleinen und großen Kindern und noch kleineren Kindern und den jeweils zugehörigen Elternpaare der ein oder andere Spargelstand mit leckeren Spargelgerichten aus der Region: Spargel mit Schnitzel, Spargel überbacken, Spargel mit Sauce Hollondaise, Spargelquiche, Spargelomelette, Spargelschlemmer-Topf, Spargel mit Lammkotelett, Spargel braten, Spargel grillen, Spargel einfrieren, Spargelsuppe. Kurz: die Spargelsaison steht in den Startlöchern. Frisch vom Stand oder aus dem Hofladen schmeckt uns das Edelgemüse doch besonders gut. Folgen wir der dreiköpfigen Familie da drüben auf ihrem Nachhauseweg. Ein junger Vater schiebt den Kinderwagen vom kleinen Karl, der seine Mutter anstarrt, die noch eben die letzten Spargelfäden zwischen den Zähnen herauspuhlt, manmanman, das war ja lecker. Der Rest des Frikassees rutscht derweil die Speiseröhre hinab und landet sanft im Magen, wo es langsam durch Kontraktionen der Speiseröhre zum Zwölffingerdarm transportiert wird. Die Verdauungsenzyme warten schon. Sie bauen im Darm den Spargel ab. Während Mama, Papa und Karl im Aufzug stehen, treffen im Magen die Enzyme auf die Asparaginsäure, die zu hauf Spargel vorhanden ist. Die wird dann zu S- Methyl-3-(methylthio)thiopropionat zersetzt. Jep. Und dieses Abfallprodukt ist schwefelhaltig. Oh ja, schwefelhaltig. Nachdem alle Nährstoffe aus dem Brei rausgepresst wurden, kommen die Abfallstoffe zurück ins Blut. Das Blut bringt sie zu den Nieren. Die filtern das Blut, sammeln die Abfallstoffe und mischen sie mit Wasser. Aus diesem Filtervorgang entsteht dann: der Urin. (Fanfare) Der leicht schwefelhaltige Urin fließt durch den Harnleiter in die Blase. Die Blase füllt sich langsam, und Karls Mama muss den sonntäglichen Tatort auf der Couch kurz verlassen, um auszutreten. Endlich auf der Toilette angekommen dann: (Plätscher Geräusch) Hach, das tut gut.

500 Meter weiter, der Frauenarzt Dr. Kai Hertwig untersucht eine Patientin. Den Kopf zwischen ihren Beinen untersucht er ihren Genitalbereich, er verzieht verschmitzt das Gesicht zu einem Lächeln. „Ich weiß, was Sie heute gegessen haben.“ Die Patientin schaut ihn erschrocken und beeindruckt zugleich an: „Wie, das können Sie auch sehen?“

6 km weiter in Neukölln, Helene ist auf ihrem Nachhauseweg, es ist Nacht, sie hat den Abend in einer Bar verbracht, vier Bier und einen Pfeif getrunken, jetzt schlendert sie über die Sonnenallee. Auf der Höhe vom Bierbaum 2 sieht sie einen Typen, der gerade seine Hose runterzieht, um an einen Baum zu pinkeln. Im Vorbeigehen fängt Helene an zu lächeln, als ihr der scharfe Spargelgeruch in die Nase zieht.

Zurück bei Karls Mama. Zufrieden sitzt sie auf der Toilette. Dann: Huch. Dieser kurze Moment des Schocks, wenn man seinen eigenen scharfen Urin riecht und sich erst nach einigen Sekunden daran erinnert, dass man Spargel gegessen hat. Dieser Moment fühlt sich immer so an, wie das erste Mal. Das erste Mal als man als Kind selbst darüber erschrocken war, als man an seinem Pipi gerochen hat und sich gefragt hat, warum es so riecht.
Das herrliche Spargelkondensat von Karls Mama fließt die Keramikschüssel als gelbliches Abwasser herab, sie drückt die Spülung, die verdünnte Flüssigkeit schießt durch das Abwasserrohre in den Keller, dort können wir ihm noch folgen, unter dem Haus verschwindet es in die Kanalisation. Dort verlaufen sich die Spuren, wir riechen ihm noch sehnsüchtig hinterher, strecken die Nasen in die Luft und glauben, noch einen Hauch von Spargelurin in der Luft erahnen zu können.

Übrigens – schon gewußt, daß der Durchschnittsmensch neun Monate seines Lebens auf der Toilette verbringt?




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